Man kann es gar nicht oft genug sagen

Via Twitter stolperte ich über einen Artikel bzgl. des „Tag des weißen Stockes“ am 15.10. und dort waren laut Überschrift Tipps im Umgang mit Blinden angekündigt – und als allererster Tipp steht da:

Ganz wichtig: Hilfe immer erst mündlich anbieten und dann leisten

Und in mir schreit alles JAAAAA – und bitte bitte bei ALLEN Behinderten nicht nur bei Blinden! Alte Omas zerrt ihr auch nicht einfach so über die Straße nur weil sie vielleicht vor dem Zebrastreifen stehen blieben. Es gibt also auch GAR KEINEN Grund Rollstuhlfahrer einfach so und ohne jegliche Ansprache plötzlich zu schieben, ehrlich nicht!

Und ebenso wichtig, bitte akzeptiert auch dass/wenn man keine Hilfe benötigt. Falls ihr euch dabei unwohl fühlt dann bleibt von mir aus noch in der Nähe stehen aber lasst eure Finger bitte vom Rollstuhl – außer ihr seht da ist jmd in einer akuten Notsituation.

Ich möchte euch auch Beispiele geben vielleicht dient das der Nachvollziehbarkeit.
Ich schiebe gelegentlich meinen Rollstuhl selbst in den Bus, weil es schneller geht oder weil es mir besonders wichtig ist gerade diesen Bus zu erreichen (denn auf die Rampen ist nicht unbedingt Verlass).
Ich, mein Rollstuhl und der Türgriff sind ein stabiles System – ich stehe zwar krumm aber ich fale nicht um oder stolpere. Merkwürdigerweise sind die Menschen beim Einsteigen sehr viel eher bereit ein „Nein, danke“ zu akzeptieren, dabei ist es für mich beim Aussteigen viel gefährlicher wenn sie das eben nicht tun.
Das Aussteigen läuft so ab:
Ich schiebe den Rolli zur Tür (wenn der Bus steht), kippe ihn nach hinten auf seine großen Räder und lasse ihn runterrollen, dabei stehe ich stabil weil ich mich ja am Rollstuhl festhalte und der mit den Rädern fest auf dem Untergrund ist, steht der Rollstuhl dann auf dem Boden halte ich mich am Griff und an der Tür fest und steige selbst aus.
Hilfe ist dabei, sofern der Bus keine wirkliche Stufe hat (bei mehreren könnte ich schon gar nicht alleiine Einsteigen), völlig unnötig. Wenn jetzt jemand weil er mir mein „nein danke, es geht“ nicht glaubt an den Rollstuhl greift dann weiß er meist schon gar nicht wo er ihn anfassen soll und die wenigstens greifen dann wenigstens an beide Seiten.
Greift man nur an eine Seite ist mein Rollstuhl/ich/tür System aber nicht mehr stabil denn auf einer Seite steht das Rad nicht mehr auf dem Untergrund und damit hängt der Rollstuhl in der Luft und bringt mich damit ins Wackeln und erschwert mir erheblich den Rollstuhl zügig und problemlos aus dem Bus zu schieben, denn ich müsste ihn dann schon mehr rausheben und das kann ich nicht. Ich habe eh Probleme mit dem Gleichgewicht und wenn dann noch jemand an dem Teil rumwackelt durch das ich mir das Gleichgewicht gerade hole ist das für mich wirklich schwierig.
Getoppt wird das nur noch von Leuten die den Rollstuhl – am besten an einer Seite – anfassen und ihn gleichzeitig noch nach vorne ziehen, Leute damit zieht ihr mich nach vorne und bringt mich wenn ich nicht schnell genug loslasse und zum Türgriff greifen kann in Gefahr aus dem Bus zu fallen!! Und beide Hände loslassen darf ich ja gar nicht sonst fällt mein Rollstuhl unkontrolliert irgendwie aus dem Bus. Das tut weder euch noch meinem Rollstuhl gut.

Das ist verdammt nochmal gefährlich!! Für mich, für euch und auch für meinen Rollstuhl.
Und dann erwartet ihr noch dass ich mich bedanke obwohl ihr mir gerade mein Leben erschwert habt und mich dabei u.U. in Gefahr gebracht habt. Ja, ihr habt es sicher nur gut/nett gemeint, aber gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.

Und bitte helft mir nicht ohne Absprache/Ansprache beim Bordsteinhochfahren oder beim in den Bus einsteigen über die Rampe – beide Male muss ich den Rollstuhl kippen um die Vorderräder hochzukriegen, das kann ich und ich weiß wie leicht mein Rollstuhl kippt und wie weit er das darf. Ich muss dazu eine bestimmte Menge Kraft aufwenden und mit dem Körper ausgleichen wenn er mehr oder weniger kippen soll. Wenn ihr da plötzlich hinten an die Griffe geht und mich noch mehr kippt kommt eure Kraft noch dazu und für mich entsteht der Eindruck nach hinten umzufallen – und das könnte auch passieren wenn ihr das nicht schnell genug versteht und/oder ich es nicht schnell genug durch ruckartiges nach vorne werfen ausgleichen kann.
Noch schwieriger wird das ganze wenn ich einen Rucksack/Einkäufe am Rollstuhl hab und das Gewicht eh schon nach hinten zieht, dann benötigt es oft nur minimalen Druck um den Rollstuhl umkippen zu lassen.
Ich weiß das, ihr könnt das aber gar nicht abschätzen und könnt mich dann ganz versehentlich umwerfen.

ich mag es auch nicht wenn ich da so meines Weges fahre und plötzlich und ohne ein Wort zu sagen schiebt einer von hinten – ich schiebe euch auch nicht wortlos durch die Gegend!

Ihr könnt helfen, wenn das nötig ist – aber bitte fragt vorher!! Dann kann ich euch sagen was ihr tun sollt und weiß Bescheid.

Wann ihr helfen SOLLT? Es wäre super nett wenn ihr helft wenn ihr seht das ich umgekippt auf der Straße liege, dann braucht ihr auch nicht fragen ob ihr sollt sondern könnt mich einfach wieder auf meine Räder stellen, denn ich kann es alleine nicht.
Und wenn ihr jetzt denkt das passiert nicht, doch, es ist mir schon passiert – die Einkäufe hintendran einen Moment unterschätzt und einen abgeflachten Bordstein runtergefahren und in dem Moment als die Hinterräder aufsetzten angetrieben und dann in Zeitlupe auf der stark befahrenen Straße umgekippt. Kommt selten vor, aber naja dumm gelaufen … Läufern bricht ja auch mal ein Absatz ab…

Wann ihr auch helfen sollt: Wenn ihr seht ich stehe auf einem Gleisübergang und bewege mich nicht und die Bahn kommt – in manchen Städten sind die Straßen-/Gleisverhältnisse so schlecht das man ab und an mal stecken bleibt – aber bitte FRAGT bevor ihr was tut oder sagt zumindest einen Ton, denn es ist wahrscheinlich das ich gerade ebenfalls versuche meinen Rollstuhl zu kippen.

Fragen könnt ihr auch gerne, wenn ich einen Berg hochfahre oder mich mit einem Bordstein abmühe, ich sage euch dann schon ob ich das schaffe – manches Mal werde ich eure Hilfe aber auch annehmen 😉

Und bitte fühlt euch nicht gekränkt wenn ich eure Hilfe ablehne, das geht nicht gegen euch sondern hängt evtl damit zusammen das ich Dinge alleine besser kann (wie zB aus dem Bus ohne Stufe aussteigen) oder eben DASS ich sie eben kann. Selbstständigkeit ist ein hohes und wichtiges Gut und Dinge selbst zu tun ist etwas völlig normales.
Wärt ihr mit eurem Fahrrad unterwegs und ich käme zu euch, würde mir euer Fahrrad schnappen und sagen „Ich fahr/schieb es dir“ wärt ihr auch eher genervt als dankbar, erst Recht wenn ich es wortlos an mich nehme.

Wenn ihr mich im Supermarkt vor einem Regal stehen und hochschauen seht dann kann es sein das ich versuche zu entziffern was da steht oder aber ich will vielleicht tatsächlich was von da oben, wenn ihr fragt ob ihr mir was geben sollt dann rechnet also auch mit einem „Nein, danke ich kuck nur“ und murmelt dann nicht ein „ich wollt ja nur helfen“ in euern Bart und seit irgendwie angegriffen weil ich eure Hilfe nicht brauchte.
(das könnt ihr natürlich auch auf andere Situationen beziehen)

Und wenn ihr mich, zB nachdem ich meinen Rollstuhl über Gleisen schob, in den Rollstuhl einsteigen seht dann bitte lasst auch eure Finger weg und greift nicht ungefragt an die Griffe mit der Intention mir den Rollstuhl festzuhalten. Ich halte mir den selbst fest (ja, ich kann auch einsteigen während die Bremsen offen sind) und wenn ihr da durch das Anfassen der Griffe die Position verändert dann kann ich sehr unsanft auf dem Boden landen. (ja, auch das passierte mir beinahe)

Sollte ich eure Hilfe einmal ablehnen und ihr seht dann aber, dass ich doch welche brauche z.B. bei einer Gleisüberquerung bei der ich doch in irgendeinem dummen Loch stecken blieb, dann wäre es nett wenn ihr nochmal kommt und mir helft und das vielleicht ohne dass ihr mir ewig erklärt dass ihr euch das ja gleich gedacht habt und ich ja jetzt sehen würde das ich eure Hilfe brauche.
Das dürfte aber selten vorkommen, denn eigentlich weiß ich um meine Fähigkeiten und Defizite.

Und bitte: Diskutiert nicht mit mir ob ich auch wirklich(!) keine Hilfe brauche, ich überlege mir meine Antworten normalerweise sehr gut und möchte nicht darüber diskutieren müssen

Und redet bitte einfach mit mir, ich spreche eure Sprache und antworte euch auch.
Und vergesst bitte nicht, ich bin nur ein normaler Mensch, das heißt auch ich hab mal einen schlechten Tag, noch keinen Kaffee getrunken, mich gerade über jemanden/etwas geärgert etc es kann also auch mal vorkommen das ich euch nur kurz und knapp oder auch mal etwas ruppig antworte, ihr müsst dann nicht denken das alle Rollstuhlfahrerinnen unfreundliche Nüsse sind sondern einfach dass ich gerade eben (entgegen meiner sonstigen Natur) unfreundlich war aus irgendeinem ganz normalen Grund.

Besonders leicht ruppig werde ich übrigens wenn Rollstuhlplätze blockiert sind und die Bahn/der Bus gleich losfährt und das für mich bedeuten würde eine Runde durch den Bus/die Bahn zu rutschen. Dann halte ich mich auch mal nicht mit sehr vielen Floskeln auf sondern es zählt nur zu einem sicheren Stellplatz zu kommen, weil es sonst für mich gefährlich sein könnte.

Ich schätze es zum Beispiel nicht wenn ich unmittelbar vor der Frontscheibe des Busses stehe und Menschen nur zu faul sind mir in dem (leider) schmalen Gang Platz zu machen damit ich zu dem Stellplatz komme. Busfahrer haben manches Mal abenteuerliche Fahrstile und für eine weitere Fahrt ist das mir schlicht zu gefährlich dort, ich will am Ende noch aussteigen können ohne mir meine Zähne bei einem Bremsmanöver an der Metallstange im Durchgang ausgeschlagen zu haben (die ist da nämlich in der Nähe meines Kopfes).
Wenn ich darum bitte dass man mich durchlässt meine ich das also auch so und dann braucht ihr nicht sagen „Wollen Sie da wirklich durch? Sie können doch auch hier stehen bleiben“ – ich könnte das theoretisch, einfach weiel meine Räder dort Platz haben, aber eigentlich ist das viel zu gefählich, für mich und für euch denn wenn ich bei Brems-/Gasgebaktionen umkippe dann treffe ich auch euch.

Ja, dann kann ich unfreundlich werden, schon wei mein Kopf eigentlich mit den wichtigen Dingen beschäftigt ist wie z.B. nicht umkippen, nicht rutschen und mein Ziel ist einen sicheren Platz zu erreichen in sehr begrenzter Zeit – das Fahren in einem fahrenden Bus ist nämlich ein bisschen anstrengender als im stehenden.
Da könnt ihr euch dann hinterher auch über den unfreundlichen Rollstuhlfahrer auslassen, ich wäre freundlich geblieben wenn ihr mir nicht hättet erklären wollen was ich bestimmt kann und mir dadurch die Situation erheblich erschwert hättet.

ich bin eigentlich immer höflich, das gehört sich so – aber ich muss es nicht immer sein, das ist etwas normales und auch mein Tag kann mal beschissen sein – ob ich es dann bleibe hängt aber auch von euch ab.
Ich bedanke mich im Normalfall auch immer (auch wenn mir jemand die Kaufhaustür aufhält) gehe aber immer mehr dazu über das bei Hilfe die mir nichts half zu unterlassen.

Man darf mir auch gerne Fragen stellen und man muss auch seine Kinder nicht von mir wegzerren nur weil sie neugierig sind, allerdings kommt es auch durchaus vor das ich mal in Eile bin und keine Zeit habe weil die Uni ruft oder so.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Alltag

2 Antworten zu “Man kann es gar nicht oft genug sagen

  1. Maxi

    Danke für den Beitrag. Das wollte ich schon immermal wissen.

    • Das sagt einem der gesunde Menschenverstand oder? Ich kann Lachgas voll und ganz verstehen, bei manchen Menschen frag ich mich echt, was in deren Köpfen falsch ist.

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